Seit der Gründung im Jahr 2000 ist das Madonna-Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT ein einzigartiger feministischer Ort, an dem Wissen, Geschichte und Diskurse rund um Prostitution und Sexarbeit gesammelt, erschlossen und aufbereitet werden. Anlässlich dieses 25-jährigen Bestehens wurde am 17.10.2025 zur Jubiläumsfeier ins Prinz Regent Theater in Bochum eingeladen.
Ein zentrales Thema, das sowohl die referierten Beiträge als auch die Diskussionen mit dem Publikum prägte, war die spürbare Verschlechterung des gesellschaftspolitischen Klimas und die Notwendigkeit, diesem Klima und autoritären Backlashs – gerade aus feministischer Perspektive – weiter entgegenzustehen.
Bevor also ein kleiner Einblick in die Jubiläumsfeier folgt, soll an dieser Stelle kurz Raum sein, um unserer Schwesternorganisation LIESELLE – Queer*feministische Bibliothek und Archiv – unsere Solidarität auszusprechen. Bereits im Juli verschafften sich bislang nicht ermittelte Personen, die offenbar dem rechtsextremen Milieu zuzuordnen sind, Zugang zu unterschiedlichen Büros und Einrichtungen an der Ruhr-Universität Bochum, die sich für eine vielfältige und progressive Gesellschaft einsetzen, zerstörten dort mutwillig Einrichtung und Equipment und hinterließen rechtsextreme, queerfeindliche und antifeministische Schmierereien. Außerdem wurden vor einem Unigebäude entwendete Pride-Flaggen verbrannt. Ein Angriff auf eine unserer Schwesterorganisationen ist ein Angriff auf uns alle! Lieselles – wir stehen solidarisch an eurer Seite!
Doch nun zurück zum eigentlichen Thema dieses Beitrags: Unsere Feier begann im Prinz Regent Theater mit einem Sektempfang. Begleitet vom Musikduo Frathó konnten sich die Besuchenden im Foyer des Theaters mit einer Ausstellung historischer Plakate aus dem Archiv auf das Programm einstimmen.
Entstehung und Entwicklung des Archivs
In der Eröffnungsrede wurden Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Archivs gegeben. Der Grundstock für den Archivbestand bildete unter anderem der Nachlass des Frankfurter Selbsthilfeprojekts Huren wehren sich gemeinsam e.V., der unter anderem aus Aktenordnern mit Urteilen aus Prozessen gegen Sexarbeitende und Betreibende besteht. Seit der Gründung wurde das Archiv teilweise durch DDF-Projekte und viel ehrenamtlicher Arbeit immer weiter professionalisiert. Heute umfasst der Bestand des Madonna-Archivs eine umfangreiche Bibliothek, Zeitschriften, Plakate, audiovisuelle Medien und Dokumente der Sexarbeitsbewegung – ein wertvolles Zeugnis feministischer Erinnerungskultur.
Warum ein Archiv für Sexarbeit wichtig ist
Doch warum braucht es ein Archiv und Dokumentationszentrum für Sexarbeit? Archive sichern, was als „bleibend wertvoll“ gilt und prägen unser Verständnis von Geschichte, indem sie festhalten, was als wichtig und bewahrenswert erachtet wird. Die geringe Anerkennung und die Art, wie politisch und gesamtgesellschaftlich mit Sexarbeitenden sowie anderen diskriminierten und stigmatisierten Gruppen umgegangen wird, schlägt sich oft auch im „Aufbewahrungswert“ ihrer Themen und Selbstzeugnisse nieder; sie finden oft keinen Platz, bleiben fortan unsichtbar und können nicht angemessen in die Geschichtsschreibung eingehen. Ein Archiv und Dokumentationszentrum für Sexarbeit begegnet diesem Missstand und erhält dadurch einen bedeutenden Teil von Geschichte. Auch die gesprochenen Grußworte, die unter anderem vom i.d.a.-Dachverband und von internationalen Partner*innen versendet oder gesprochen wurden, würdigten die Arbeit des Archivs und seine Bedeutung für Sichtbarkeit und Vernetzung.
Daneben wurde das Madonna-Archiv auch anhand verschiedener Archivalien vorgestellt. Die Geschichte der Hurenbewegung und ihrer Anfänge wurde durch die Präsentation des Buches Die geteilte Frau von Barbara und Christine de Coninck (im Original 1977 im Französischen erschienen) sowie der diverser Hurenzeitschriften wie Hydra‘s Nachtexpress und der Zeitung für leichte und schwere Mädchen umrissen. Ein Plakat vom Bündnis 90/Die Grünen nie wieder ohne. Gleiche Rechte – auch für Prostituierte aus dem Jahr 2001 fordert Gleichberechtigung von Sexarbeitenden und die Anerkennung von Sexarbeit als Beruf und verweist auf die Einführung des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2002. Dadurch konnten Sexarbeitende ihren Lohn einklagen und Sexarbeit wurde als legitime Erwerbstätigkeit anerkannt. Ein bedeutender Schritt für die Rechte von Sexarbeitenden.
Lesung und Diskussion: Sexarbeitsfeindlichkeit heute
Ein besonderes Highlight war die Lesung aus der im Mai erschienenen Streitschrift Warum sie uns hassen. Sexarbeitsfeindlichkeit von Ruby Rebelde. Auch in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, wie aktuell und gesellschaftlich relevant der Diskurs um Sexarbeit ist – und warum es so wichtig bleibt, die Geschichte von Sexarbeit zu dokumentieren und zu bewahren. Die Jubiläumsfeier war gut besucht, von einer respektvollen, interessierten Atmosphäre getragen und zeigte eindrucksvoll, wie wichtig das Madonna-Archiv als Ort des Erinnerns, Forschens und feministischen Engagements bleibt.
Ein großer Teil des erschlossenen Bestandes kann im Meta-Katalog durchsucht werden.