Der Internationale Tag der Frauenarchive am 11. Mai macht weltweit auf die Bedeutung von Archiven, Dokumentationsstellen und Erinnerungsarbeit für feministische Bewegungen, geschlechterpolitische Kämpfe und die Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven aufmerksam. Frauenarchive bewahren nicht nur historische Quellen, sondern leisten einen zentralen Beitrag zur kritischen Wissensproduktion und zur politischen Bildung über Geschlechterverhältnisse, Arbeitsrealitäten und soziale Kämpfe.
Frauenarchive sind häufig aus sozialen Bewegungen heraus entstanden und verfolgen bis heute das Ziel, Erfahrungen von Frauen* und queeren Personen zu dokumentieren, die in klassischen Archiven oft unterrepräsentiert oder unsichtbar bleiben. Sie tragen damit wesentlich dazu bei, dominante Geschichtsnarrative zu erweitern und gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar zu machen.
„Das Archiv spricht nicht von selbst.“
(aus: Arlette Farge, Der Geschmack des Archivs, Suhrkamp, 1991)
Die feministische Archiv- und Erinnerungsarbeit macht deutlich, dass Geschichte nicht neutral überliefert wird, sondern immer Ergebnis von Auswahl-, Deutungs- und Machtprozessen ist. In diesem Zusammenhang betont auch die Historikerin Arlette Farge, dass Archive kein neutraler Ort der Aufbewahrung sind, sondern erst durch die Fragen, die an sie herangetragen werden, zum Sprechen gebracht werden und damit aktiv an der Konstruktion historischer Wirklichkeit beteiligt sind (vgl. Farge, A. (1989). Der Geschmack des Archivs).
Madonna e. V. verfügt mit dem Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT über einen eigenen Bestand, der Materialien, Publikationen und Dokumente zur Geschichte und Gegenwart von Sexarbeit sammelt, erschließt und zugänglich macht. Damit leistet die Einrichtung einen Beitrag zur Sicherung von Wissen, das in klassischen Archiven häufig nur randständig oder verzerrt abgebildet ist.
Der Tag der Frauenarchive verweist damit über die reine Erinnerung hinaus auf die politische Dimension von Archivarbeit. Erinnerung ist immer auch ein Akt der Machtverteilung: Sie strukturiert, welche Erfahrungen sichtbar werden und welche unsichtbar bleiben. Die Auseinandersetzung mit Archiven ist daher stets auch eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ordnungen von Wissen, Anerkennung und Ausschluss. Die Sichtbarmachung vielfältiger Lebensrealitäten bleibt eine grundlegende Voraussetzung für eine diskriminierungskritische und demokratische Gesellschaft.